• Sonja Andjelkovic

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November 2015 -Deutschland braucht Entwicklungshilfe aus Afrika-de

Die vier bereits anwesenden Teilnehmenden – alles gestandene Mitarbeiter des Bildungsministeriums– könnte ich doch befragen, was diese dazu meinen, wie die Flüchtlingskrise bewältigt werden kann. Ich hole tief Luft und bitte ganz direkt um Hilfe. Um Rat.

Ich erkläre, dass wir Probleme haben, weil wir eine Menge Flüchtlinge haben, die wir integrieren müssen und wollen und ich mich frage, wie das gehen kann, ohne uns in ein gesellschaftliches und politisches Schleudertrauma zu manövrieren. Ich fasse mir ein Herz und erwähne, dass die meisten Flüchtlinge Muslime sind (die Teilnehmenden sind es auch alle) und dass es ja auch eine uns völlig fremde Religion ist, dass viele Menschen sich fürchten, mit welchen Ansichten die vielen Muslime, mit denen wir womöglich nicht zurecht kommen bei uns ankommen und wie diese zur bestehenden Kultur passen. Andererseits arbeiten wir daran, eine Willkommenskultur zu entwickeln, verfügen aber über keinerlei Erfahrungen, wie mit dieser hohen Anzahl an Menschen in der kurzen Zeit umgegangen werden soll. Ich sage auch ganz ehrlich, dass wir Kräfte in der Gesellschaft haben, die fremdenfeindlich sind, islamophob und chauvinistisch. Dass Flüchtlingsheime brennen. Und das ich das beschämend finde. Ich merke, dass ich befürchte, meine Teilnehmenden könnten abweisend reagieren, da ich mich zu weit aus dem Fenster gelehnt habe. Ich spüre die aufkeimende Angst, man könnte mich ablehnen in meiner Funktion, in der ich im Sudan bin – als Kommunikationstrainerin.

Aber so kam es nicht.

Es kamen erst einmal Nachfragen: Leben die Flüchtlinge in Flüchtlingscamps. Nein. Was bekommen sie, wenn sie ankommen? Essen, Kleidung, Dach über dem Kopf. Können die Flüchtlinge arbeiten? Nein. AHA! Ruft einer der Teilnehmer. Bei uns dürfen sie das, und zwar sofort. Allerdings als unqualifizierte Arbeiter für wenig Geld, wird ergänzt. Und auch nur Jobs, die Sudanesen nicht machen wollen, setzt einer hinzu. Ja, aber langsam wird es eng, erläutert eine Teilnehmerin, denn auch die Sudanesen müssen Jobs annehmen, die sie nicht wollen, um zu überleben.

Zurück zu Deutschland: Ihr habt doch gar nicht genug Leute, ihr sterbt doch aus! Bemerkt einer der Teilnehmer und sagt im gleichen Atemzug, hier bekommt ihr Menschen, die eure Gesellschaft weitertragen und entwickeln werden. Ich lausche gespannt.

Warum haben die Leute Angst vor Muslimen? Werde ich verständnislos und mit gerunzelter Stirn gefragt. Islam kommt von Salam – Frieden, der Prophet hätte immer Verständnis, Dialog und Einvernehmen gepredigt. Aber wäre es denn nicht eine gute Idee, im Fall der Flüchtlinge gleich anzufangen, interkonfessionellen Religionsunterricht flächendeckend einzuführen? Fragt ein Teilnehmer. Alle anderen nicken verzückt. Was spräche denn dagegen, wenn deutsche Kinder über den Islam und muslimische Kinder über Christentum und andere Religionen lernen würden? Ob wir so etwas schon mal angedacht hätten. Ich erwidere bloß etwas kleinlaut, dass wir Ethik-Unterricht haben und muss feststellen, dass das, was ich über Religionsunterricht in Deutschland weiß, sehr mager ist. So wie mir geht es vielleicht auch anderen, denn eigentlich scheren wir uns nicht wirklich so sehr um Religion. Ich sage das nicht, denn ich antizipiere eine empörte Reaktion, mit einem darauf folgenden betroffenen Schweigen, dass sich in einen Schwall von Mitleid für die Entkoppelung unserer westlichen Kultur von dem Kern des Menschseins entladen würde. Ich entscheide, das Thema zu wechseln, um einem etwaigen Rechtfertigungsdruck zu entgehen. Sonst könnte womöglich die übliche Rhetorik aufkommen, WIR Christen seien doch auch im Recht, dass der Islam unsere Religion komplettieren würde, und dem, was unser Gott uns lehrt nicht widerspricht. Doch was lehrt uns denn unser Gott..? Derartige Diskussionen sind mir immer unangenehm, muss ich doch zugeben, dass ich die Bibel für mich so spannend ist wie ein Bilderbuch ohne Bilder.

Unsere düsteren Vorurteile gegen Muslime fußen gar nicht auf dem, was uns unser kollektives Gedächtnis vorgaukelt: Dem Konflikt zwischen Christen und Muslimen.

Vielmehr ist es das Paradigma des Säkularen, die Vorherrschaft der Ratio vor dem Glauben, die Trennung von Lebenswelten und die Vergötterung der Technik als Ersatz für das Heilige, was uns wesentlich unterscheidet. Also Säkulare vs. Religiöse. Sind wir also erwachsen aus dem „Türken vor Wien Trauma“ und haben jetzt eine Ersatz-Geschichte gefunden, um uns von Muslimen abzugrenzen? Vielleicht die Folgende: Muslime sind rückwärtsgewandt und haben die Reformation noch vor sich. Aber was, wenn ein Araber gar kein Muslim ist?

Es macht eigentlich keinen Unterschied, ob ein Syrer Christ oder Muslim ist. Die Kultur zieht sich bei beiden gleichermaßen wie ein roter Faden durch den Wertekanon. Die Erfahrung habe ich nun mehrmals gemacht in arabischen Ländern. Ich konnte höchstens am Namen erkennen, welcher Religion jemand angehört. Elias z. B. Ist klar – ein Christ. Ahmed – ein Muslim. Aber das Verhalten und die äußere Gestalt gaben mir keinen Hinweis. Sicher gibt es einen Unterschied im gesellschaftlichen Status dieser beiden Religionen in manchen islamisch-geprägten Ländern, um das mal ganz diplomatisch zu sagen. Aber die Werte Familie, Zusammenhalt, Respekt vor den Älteren, Loyalität sind bei beiden dieselben.

Nun wird die Diskussion etwas praktischer: Konflikte ließen sich vermeiden, wenn man die Leute in ihrer jeweiligen Herkunftsgruppe belässt, wenn ihnen Wohnraum zugewiesen wird: Syrer mit Syrern, Iraker mit Irakern, Somalis mit Somalis...so könnte man für jede Gruppe andere und kulturell angepasste Maßnahmen ergreifen. Und sobald die Gruppen dann „bereit“ sind, können sie ihr kulturelles Umfeld verlassen und sich in die deutsche Gemeinschaft trauen. Interessante Idee sage ich, aber wie soll man das organisieren? Kulturelle Unterschiede zu beachten und Konzepte zu entwickeln, welche Maßnahmen wie durchzuführen wären – dafür gibt es keine Anleitung. Und die Deutschen lieben doch Anleitungen und monochrones Vorgehen.. Das passt nicht so ganz in ihre Kultur. Außerdem gäbe es den Aufschrei: Ghettoisierung! Wer weiß, was dann die Zeitungen darüber wieder schreiben würden, welche Parallelen zur deutschen Geschichte dann wieder auftauchen würden und wie die Gegner einer Flüchtlingsintegration dies dann missbrauchen würden – für ihre Zwecke versteht sich. Der Vorschlag ist wohl kaum umsetzbar.

Die Teilnehmenden diskutieren nun emotionaler. Kommen immer wieder zurück zu den heißen Themen in ihrem Land...die Flüchtlinge aus Somalia und Eritrea, der Konflikt in Darfur, der Bürgerkrieg im Süden. Einige machen Witze auf Kosten der Flüchtlinge, besonders da ein Teilnehmer aus Darfur kommt, der offensichtlich nicht ganz unumstritten ist. Besonders zimperlich ist man hierzulande nicht. Einige schauen ebenso düster drein, wie ich die letzten Tage.

Man müsste mit Bildung anfangen – so der allgemeine Konsens. Erstens sollte man alle Lehrer unter den Flüchtlingen identifizieren und diese sofort in ihrem Beruf in Lohn und Brot bringen und die Flüchtlingskinder in den üblichen Fächern unterrichten. Dann muss es Deutschunterricht geben, damit alle so schnell wie möglich eingeschult werden können. Alle, die kein Zeugnis haben aber einen Beruf sollen Zugang zu einer Prüfung bekommen, in der die angegebenen Fähigkeiten nachgewiesen werden können. Danach sollten die Lücken in der Qualifikation auf die Standards in Deutschland angehoben werden, durch eine Großoffensive in der Fort- und Weiterbildung. Dann geht’s in den Jobmarkt. Wenn diese Strategie umgesetzt würde, dann müsste man keine Unterhöhlung des deutschen Arbeitsmarktes fürchten. Und auch keine Herabsetzung der Qualifikationsstandards. Ich bin sehr überrascht von der so klar und deutlich gezeichneten Strategie. Warum nicht eigentlich auch Arabisch in den Schulen anbieten, als 2. Fremdsprache? So können doch erst wirkliche Beziehungen entstehen, wenn man sich austauschen kann und einander besser versteht. Klar ist das alles nicht einfach, aber machbar.

Da sitze ich nun, höre all das und frage mich: Warum haben wir keine Berater aus Afrika? Warum holen wir nicht sudanesische, syrische und somalische Experten nach Deutschland und lassen uns auf Gespräche mit ihnen ein, die uns neue Perspektiven eröffnen? Hören ihren Rat? Bitten um kulturelles Know-how? Warum müssen wir eigentlich alles alleine lösen wollen oder nur im Kreise unserer europäischen Innenminister?

Wer Sitzungen unserer politischen Vertreter kennt wird wissen, dass dort hartnäckig über Positionen verhandelt wird und dass die wahrhaftigen Interessen der Betroffenen, dort keine Stimme haben. Kreativität und vernetztes Denken sind genauso Mangelware. Trotz aller Krisenhaftigkeit werden immer weiter ritualisierte Sitzungen abgehalten, die höchstens bestehende Machtverhältnisse demonstrieren und festigen. Denn hier gewinnt der, der geschickter Regelwerke interpretiert.

Und die Zeit läuft! Täglich ändert sich die Lage. Wir brauchen flexible, schnelle Wege.

Man kann die Probleme nicht lösen mit den selben Mitteln, mit denen man sie geschaffen hat, hat Einstein gesagt. Wir strafen diese Aussage täglich Lügen. Längst hat sich gezeigt, dass die Institutionalisierung unserer Gesellschaft genauso wie der ungebremste Kapitalismus nicht mehr die Erfolge zeigen, die die Probleme unserer jetzigen Zeit lösen könnten. Wir meinen, dass Repräsentanten (die wir angeblich gewählt haben – eine Behauptung über die sich streiten lässt) von Regierungen das „Flüchtlingsproblem“ lösen können. Das ist Nachkriegs-Philosophie, die längst überholt ist.

Warum haben wir im Angesicht dieser Woge von Verzweifelten titanischen Ausmaßes immer noch nicht den Mut, 360 Grad Lösungen zu suchen, sondern vertiefen uns immer mehr in althergebrachte mathematische Ansätze wie Quoten für 200.000 Flüchtlinge? Warum stochern wir immer noch in den Symptomen herum, statt zu erkennen, dass die Ursache unserer derzeitigen globalen Situation vielfältig ist und dass 1 Million Flüchtlinge nur die Spitze des Eisberges sein werden?! Es braucht andere Ansätze, andere Partnerschaften oder wie Gerd Müller, unser Entwicklungsminister sagte, wir müssen mit Afrika als Partner auf Augenhöhe arbeiten, faire Preise für Ressourcen zahlen, die uns unseren Wohlstand ermöglichen. Das wäre auf jeden Fall ein erster Ansatz dämmert es mir. Des Weiteren sollten wir einen Krisenstab mit afrikanischen Vertretern der Zivilgesellschaft, Politik und Wirtschaft ins Leben rufen. Dieser könnte gemeinsam mit uns eine Strategie entwerfen, wie wir die Wurzeln unserer Probleme anpacken können. Wir brauchen stärkere Kooperation im großen Stil, um den Arbeitsmarkt in den afrikanischen Ländern und hierzulande zu beleben, Umverteilung von Reichtum über Abgaben auf den Nettoumsatz aller Unternehmen für die Unterstützung der Entwicklung in den afrikanischen Ländern, des weiteren direkte Partnerschaften, Schüler- und Azubiaustausch, berufliche Bildung und Weiterbildung.

Wir müssen wieder improvisieren lernen, statt auf Regeln und Ordnungen zu pochen, die einer überfälligen Revision harren, unserer Intuition folgen, statt sie zu belächeln oder sie als Produktmarketing zu missbrauchen, auch neue Regeln erschaffen, nämlich die, dass es Ausnahmen gibt! Flexibler werden, loslassen und uns verändern statt an Gewohnheiten zu zerbrechen. Wir brauchen eine neue Art des Umgangs mit Angst. Denn sonst frisst sie unsere Seelen auf. Und: Wir müssen verlernen. Der beständige, tiefe Wunsch, dass alles so bleibt wie es ist, dass das ICH vor dem WIR kommt, dass Anhäufung von materiellen Gütern glücklich macht...all das müssen wir verlernen, wenn wir mit der derzeitigen Krise fertig werden wollen. Es fängt also bei jedem Einzelnen an.

Während dieser Gedankenstrom in mir nicht abreißen will, verstummen die Trainings-Teilnehmer, denn wir sprechen bereits seit einer geschlagenen Stunde über Deutschlands Probleme. Die Energie, weiter zu dem Thema zu diskutieren ist verpufft. Einer sagt: Es ist nicht leicht, nein, es ist nicht leicht. Und da - endlich kommen die Anderen an. Hastig und keuchend lassen sie sich nieder und wischen sich eine Mischung von Schweiß und Regentropfen von der Stirn. Nach der langen Anreise zu unserem Trainingsort sollte die Stimmung bei denen auf jeden Fall im Keller sein, befürchte ich. Doch schon nach wenigen Minuten zeigt sich ein Lächeln auf ihren Gesichtern. Man scherzt über die schlechten Straßen und die verdreckten Hosenbeine, klatscht in die Hände. Los geht’s! Erstaunlich wie schnell sich die Sudanesen von negativen Situationen erholen und wie hart sie arbeiten, wenn sie etwas wirklich wollen.

Am Ende des erfolgreichen Trainingstages kehre ich zurück in mein Zimmer. Beeindruckt von dem Verlauf des heutigen Trainings sinniere ich über das Feedback nach, dass ich zum Schluss bekam:

Sie hätten für sich verstanden, dass Kommunikation Herzen aufschließt, dass der Mensch sich immerzu ändert und ändern muss, will er mit anderen zusammenleben, dass Zuhören, Empathie und Verständnis sozialen Frieden herstellen und erhalten kann. Und das sie jetzt sofort damit anfangen werden, das Gelernte umzusetzen. Während sich der Regen wie lange Bindfäden auf mein Fenster legt und die grau-braune Aussicht sich mit den Bächlein auf meinem Fenster zu einem impressionistischen Bild vereint wird mir klar:

Deutschland braucht Entwicklungshilfe. Entwicklungshilfe aus Afrika.

Sonja Andjelkovic

Internationale Beraterin und Trainerin in der Entwicklungszusammenarbeit

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